So schreibt man eine Reportage

So schreibt man eine Reportage

Reportage – Fakten wecken Gefühle

Es geht um alles! Um Menschen und Begebenheiten, um alte und neue Häuser, schnelle Autos und verschlafene Technologien, die große Liebe und den abgrundtiefen Hass, um das erbärmliche Sterben und das wundervolle Leben als solches.
Es geht um die Reportage

Die Reportage ist DIE journalistische Darstellungsform, die von ihrer Themenauswahl her absolut grenzenlos ist. Aber immer daran denken: Die Themenvielfalt ist uneingeschränkt. Nicht jedoch der Stil, in dem eine gute Reportage verfasst sein sollte.
Im Grunde genommen „funktioniert“ eine Reportage nur, wenn der Reporter selbst das Geschehen beobachtet hat, über das er schreibt.

Naturgemäß kann eine Reportage nur subjektiv sein.
Nur der Reporter hat gesehen und gehört, was er beschreibt.
Rudolf Augstein

Der Reporter formuliert einen „Erlebnisbericht“, lässt seinen Leser an einem Ereignis teilhaben. Dazu muss er Phantasie, Einfühlungsvermögen und schreiberisches Talent besitzen.
Eine Reportage ist die Schilderung von zeitlich und räumlich begrenzten Ereignissen oder Begebenheiten. Lebhaft soll sie sein, nachvollziehbar und so verfasst, dass der Leser das Gefühl bekommt, selbst dabei gewesen zu sein. Deshalb werden Reportagen in aller Regel im Präsens verfasst. Aber auch Perfekt oder Präterium sind als Stilmittel – durchgängig im Text verwendet oder als „Break“ eingeschoben – durchaus denkbar.
Dabei folgt der Text nicht immer und unbedingt einem chronologischen Ablauf. Im Gegenteil. Sie haben durchaus die Möglichkeit, zum Beispiel mit dem Ende Ihrer Geschichte zu beginnen – und durch einen geschickten Aufbau im Text rückblickend erzählend am Schluss wieder dorthin zurückzugelangen. Dem Leser wird auf diese Art eine „runde“ Geschichte präsentiert, die für ihn nachvollziehbar ist, zu der er Emotionen entwickeln kann. Am besten gelingt dies, indem der Reporter Menschen zu Wort kommen lässt. Und zwar nicht nur Experten und Fachleute (dennoch sollen und dürfen auch sie zur Unterstützung und zur Erklärung mit ihren Zitaten zur Reportage beitragen), sondern auch verstärkt Betroffene, Zeugen oder andere, die eine Meinung zum Ereignis haben.

Aufgegriffen wird stets ein Thema – und wirklich nur eines! –, das von allgemeinem Interesse ist. Anhand konkreter Beispiele und des Blickes auf Details und Konsequenzen, die alle betreffen, wird dieses Thema verständlich, verstehbar gemacht. Die Aktualität spielt dabei keine entscheidende Rolle. Wichtiger ist, über etwas zu schreiben, das Interesse wecken und Gefühle im Leser hervorrufen kann. Ganz reduziert ausgedrückt, geht es bei diesen zu weckenden Gefühlen im Grunde nur um zwei, die Sie bei Ihren Lesern anvisieren sollte:

„Genau so habe ich das auch erlebt, das kenne ich, so denke ich auch!“
oder
„Bin ich froh, dass mir das nicht so ergangen ist, die armen Leute, ich habe Glück gehabt!“

Wurde durch die Wahl des Themas und durch den Text eine dieser beiden Reaktionen ausgelöst, haben Sie gewonnen – Ihre Reportage wird beim Leser haften bleiben.
Natürlich folgt auch die Reportage dem journalistischen Grundsatz der Trennung von Meinung und Information. Auch Objektivität und der Verzicht, Partei zu ergreifen oder das Geschehen zu kommentieren, sind nach wie vor Pflicht des Reporters. Allerdings darf er bei dieser Darstellungsform durchaus seine Eindrücke schildern, bildhaft das beschreiben, was er vor Ort sieht und erlebt. Werden dadurch die reinen Fakten unterstützt, ist das persönliche Empfinden des Journalisten sogar ein probates Mittel, den Inhalt seines Textes dem Leser näherzubringen und bei ihm eben jene Gefühle hervorzurufen, die ja erwünscht sind. Schließlich soll die Reportage Bilder vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden lassen, er soll „sehen“, was der Reporter sieht, riechen, was dieser riecht, fühlen, was vom Autor in dem Moment, da er das Ereignis verfolgte, gefühlt wurde.

Da die Reportage mit den Emotionen der Leser spielt, muss sie bestimmte weitere Eigenschaften besitzen. Wichtig ist wieder die Gliederung Titelzeile, Vorspann, Haupttext. Noch mehr als beim Bericht jedoch appellieren hier alle drei Elemente an Gefühle. Sehr gut ist das in der Reportage (Auszug) von Tim Gutke auf focus.de zu erkennen:

 

Titelzeile:

Todeskick auf deutschen Dächern

Vorspann:

Der Fallschirm auf dem Rücken, die Polizei auf den Fersen und den Tod im Nacken:
Basejumper suchen auf Deutschlands Dächern den ultimativen Kick

Haupttext:

Es kann nicht hoch genug sein für sie, und es kann nicht tief genug hinabgehen. Der Absturz kostet nur einen Schritt. Hier oben liegt einem Berlin zu Füßen. Millionen Lichter brennen. Der Fernsehturm steht links. Rechts müsste die Spree fließen. Man kann sie nur erahnen.
Es ist Mitternacht, doch in dem Hochhaus am südlichen Rand der Stadt tost noch das Leben: Fernseher plärren, Kinder schreien, irgendwo weint eine Frau. Aber hier oben auf dem Dach ist es still. Zwei Männer stehen hier, 90 Meter über dem Asphalt. Was sie auf das Dach treibt, ist ein illegaler und lebensgefährlicher Zeitvertreib, dem in Berlin ein gutes Dutzend Männer frönt — deutschlandweit etwa 100. Die meisten sind nachtaktiv.
Basejumper steigen auf alles hinauf, was hoch und spektakulär ist, um sich dann mit einem Fallschirm auf dem Rücken nach unten zu stürzen. Von Denkmälern, Wohngebäuden und Bürokomplexen — je höher, desto besser. Sie sind süchtig nach dem Versteckspiel mit der Polizei. Gierig nach dem freien Fall, den wenigen Sekunden Freiheit zwischen Dachkante und Bordstein. Vergangenes Jahr zahlten 14 Basejumper für ihr Hobby mit dem Leben — Schweizer, Amerikaner, Russen. Kein Deutscher.
Die Szene ist international aktiv. Zwar gibt es Turniere und legale Absprungplätze. Aber keiner davon liegt mitten in der Stadt — und genau das ist der Kick. Das Verbotene. Die Illegalität.
„Lust auf einen Hüpfer?“, fragt Jojo, während er sein Mobiltelefon am Ohr balanciert. Er grinst, es ist genau die Antwort, die er erwar- tet hat von seinem Kumpel. Was sie salopp „Hüpfer“ nennen, heißt unter Juristen „Hausfriedensbruch“. Wenn alles planmäßig abläuft, endet ein Sprung mit einer weichen Landung zwischen Bäumen und Autos. Dann ein Sprint zum Fluchtwagen und weg vom Tatort. Wenn etwas schiefgeht, endet die Sache im Polizeiwagen. Oder auf dem Friedhof (…)

 

Gleich im ersten Satz des Haupttextes bestimmt der Autor den Schreibstil, in dem der gesamte Artikel verfasst sein wird. Hier ist ein bisschen Vorsicht angebracht, macht doch der Ton die Musik. Ist der erste Ton gleich laut und dröhnend, muss das restliche Orchester, bestehend aus Buchstaben und Silben und Wörtern und Sätzen, sich mächtig anstrengen, um im weiteren Verlauf des Stückes noch Aufmerksamkeit erregen zu können. Die stärkste Aussage des Textes, die intensivste Beschreibung, das Superlativ sollte deshalb nicht gleich verwendet werden. Sonst besteht die Gefahr, dass die Spannung danach sofort in sich zusammenfällt wie ein zu schnell erkaltetes Soufflé. Außer man ist sich wirklich absolut sicher, dass man die anfänglich provozierte Stimmung nicht nur halten, sondern im Laufe des Textes sogar noch steigern kann.

Die Abfolge der beschriebenen Ereignisse sollte überraschend sein, dabei jedoch einer gewissen inneren Logik, einem nach- vollziehbaren roten Faden folgen. Mehr als die streng tatsachenbetonten Darstellungsformen lebt die Reportage von einer Dramaturgie, die wohl überlegt und konstruiert sein muss. Spannung wechselt sich mit Entspannung ab, alles sollte zu einem Höhepunkt hin geschrieben werden. Selbstverständlich nicht wie ein Roman oder eine Kurzgeschichte; dennoch mit ähnlichen Elementen ausgestattet. Der Text folgt in seinem Spannungsaufbau einer Art Wellenmuster. Beschreiben Sie also zunächst das Erlebnis, die subjektiven Empfindungen, streuen Sie dann eine neutrale Sachinformation ein. Dieser folgt wiederum ein Erlebnis oder ein Zitat, eine Beschreibung, die ihrerseits auf eine Sachinformation hinleitet usw …
Arbeiten Sie im Laufe des Reportagetextes immer mit Kontrasten. Mit Pro und Kontra, das Für muss gegen das Wider aufgewogen werden, Reiche sind nur so lange interessant, wie es Arme gibt, Schönes kann nur als solches empfunden werden, weil ihm das Hässliche gegenübersteht. Ähnlich wie beim literarischen Schreiben sind auch hier Protagonist und Antagonist mehr als hilfreich.

 

Journalismus ist Literatur in Eile …
Matthew Arnold (1822 – 1888), englischer Lyriker

Reportagen mit „human touch“, solche also, in denen es um Menschen und deren Schicksale oder Erlebnisse geht, bringen eines dieser Elemente automatisch mit sich: den Protagonisten, die Hauptperson. Der Reporter beschreibt sie äußerlich wie innerlich, ihr Charakter muss dem Leser klar werden. Das Handeln des Protagonisten muss dabei nicht verstanden oder gutgeheißen werden, es muss nicht auf Sympathie treffen – aber es muss erklärbar, im besten Fall nachvollziehbar sein.

Der Gegenspieler des Protagonisten (das können auch mehrere sein) ist der Antagonist. Antagonist kann ein mächtiger Industriekonzern sein, der eine Fabrik in der Nähe einer Reihenhaussiedlung bauen will. Die Bewohner kämpfen dagegen an, David versus Goliath. Auch das Wetter kann ein Antagonist sein: Starke Regenfälle haben einen kleinen Fluss zum reißenden Strom gemacht, das vom Munde abgesparte Häuschen eines Renterehepaares droht in den Fluten zu versinken …

Vor allem sollte der Text so viele Details über den Menschen und/oder über dessen Lebensumstände, Handlungsgründe, Gefühle, Gesten und Mimik enthalten, dass er vor den Augen des Lesers „lebendig“ wird. Nur so kommt der eine dem anderen nah, nur so kann „mitempfunden“ werden.

Bei reinen sach- oder themenbezogenen Reportagen können Sie nur schwer, eher noch gar nicht auf die menschlichen Aspekte eingehen. Dennoch stehen Protagonisten und Antagonisten zur Verfügung. Protagonist könnte zum Beispiel ein neu entwickeltes Auto sein, über das Sie eine Reportage verfassen sollen. Wollen Sie nun nicht das Fahrerlebnis aus Ihrer Sicht (also der eines Menschen), sondern rein die technischen Seiten beschreiben, könnten Sie dennoch einige Antagonisten finden, die Ihre Geschichte spannend machen, ihr Tiefe geben. Zum Beispiel wäre die aus Gründen der Verkehrssicherheit vom Gesetzgeber vorgeschriebene Form der Stoßstange und der Motorhaube eine Schwierigkeit, die bestimmten Konstruktionen des Motors entgegenstehen; oder die Farbe der Karosserie steht im krassen Gegensatz zum PS-starken Motor, der viel eher nach einem aggressiven äußeren Erscheinungsbild schreien würde.
Einmal mehr brauchen Sie eines, um mit Hilfe von Protagonist und Antagonist spannend und interessant, um mitreißend zu schreiben: Phantasie!

Fazit: Eine Reportage soll so geschrieben sein, dass sie im Leser nachwirkt. Schmerzlich oder befriedigend, Glück schenkend oder Hass, Mitleid spendend oder Ekel hervorrufend. Am Ende des Textes soll nachgedacht werden. Genau so wie am Ende eines guten Romans oder eines eindrucksvollen Films.

 

Checkliste zur Reportage

  • Titel (Headline) spannend, neugierig machend verfassen, er soll eine Art Versprechen geben, etwas ankündigen 

  • Vorspann als Ergänzung zum Titel schreiben, Neugierde und Spannung steigern, eventuell szenisch einsteigen 

  • Eine einfache, allgemeinverständliche Sprache wählen 

  • Auf einen Handlungsablauf achten 

  • Zitate von Betroffenen, Zeugen, Fachleuten einbauen 

  • Kommentare und eigeneMeinung vermeiden 

  • Informationen und Tatsachen vollständig wiedergeben 

  • Dramaturgie beachten, roten Faden spinnen 

  • Spannungsaufbau durch gegensätzliche Elemente konstruieren 

  • Abwechselnd Stimmung/Meinung (nicht die eigene!) und informative Elemente verwenden 

  • Anhand des Allgemeinen zum Einzelnen kommen 

  • Mit den Zeiten spielen: Szene zum Beispiel im Präsens beschreiben, dann ins Perfekt wechseln, um zu erklären 

2 Comments

  1. Raija sagt:

    Hallo Ralf, vielen Dank für den Auffrischungs-Minikurs „Reportage schreiben“. Top! Hat mich upgedatet und mir Lust gemacht, mal wieder eine solche zu schreiben. Schade ist, dass heutzutage Reportagen gerne kopiert, verfälscht, manipulativ gekürzt und oft auch für Hetz-Kampagnen benutzt werden. Und das gilt dannauch noch als Kavaliers-Delikt. Pfui! Diese schwarzen Schafe versauen guten Journalisten, die ihr Handwerk gelernt haben (davon gibt es aber zum Glück viele!) den Ruf. Den Journalisten, die nach dem Pressekodex arbeiten.

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