Interview: „Journalist in 5 Tagen“

Interview: „Journalist in 5 Tagen“

Mal ehrlich: Finden Sie das nicht selbst ein bisschen zu dreist?

Was denn?

Ihre Behauptung, Sie könnten in fünf Tagen Journalisten ausbilden!

Das behaupte ich ja gar nicht. Natürlich kann man nicht einfach so daher kommen, einen Kurs von gerade mal einer Woche mitmachen und dann denken, man könne für den Spiegel oder die Zeit schreiben.

Aber genau das vermitteln Sie doch den Leuten.

Nein. Ich sage, dass man in diesen fünf Tagen die wichtigsten Grundlagen des Journalismus und noch ein bisschen mehr erlernen kann. Zum Beispiel, welche Darstellungsformen es gibt und mit welchen Unterschieden die dann textlich, inhaltlich und strukturell bearbeitet werden müssen. Oder wie man effektiv recherchiert, wie Headline und Vorspann verfasst sein sollten. Und auch, wie man bei einem Interview die richtigen Fragen stellt …

Werden Ihnen hier gerade die richtigen Fragen gestellt?

Na ja, es geht so. Bis jetzt waren es ja nur geschlossene Fragen. Offene wären besser gewesen.

Und die wären?

Genau so eine zum Beispiel. Auf alle anderen hätte ich bis jetzt einfach mit ja oder nein antworten können. Sehr unbefriedigend für den Interviewer und später für den Leser.

Warum glauben Sie, dass ausgerechnet Sie anderen so etwas beibringen können?

Weil ich selbst seit über 25 Jahren Journalist in verschiedenen Sparten bin. Und weil ich seit 2009 in der Fortbildung für Redakteure und PR-Texter arbeite und unter anderem Volontäre für einen großen deutschen Zeitschriftenverlag unterrichte.

Aber eine Journalistenausbildung dauert doch wohl länger als fünf Tage!

Na klar. Allerdings muss man da auch stark den individuellen Weg in den Journalismus berücksichtigen. Man kann beispielsweise Journalistik oder Publizistik studieren. Das dauert schon mal zwischen vier und sechs Jahren. Oder man kann diesen Beruf über ein Volontariat erlernen. Das dauert nur eineinhalb bis drei Jahre. Während dieser Zeit sind bis zu vier Wochen theoretischer Ausbildung vorgesehen, aber für den Verlag nicht verpflichtend. Sehr viele Journalisten, vor allem Freiberufler, sind auch Quereinsteiger, haben also oft überhaupt keine journalistische Ausbildung hinter sich.

Und warum dürfen die sich trotzdem als Journalisten bezeichnen?

Weil es in diesem Beruf keine Ausbildungsordnung oder ähnliches gibt. Aufgrund des Artikels 5 in unserem Grundgesetz darf sich jeder Journalist nennen, der Informationen oder Unterhaltung in jedwedem Medium verbreitet.

Wenn jeder das darf und kann – wozu ist denn dann Ihr Seminar gut?

Zum einen bereitet es junge Menschen sehr gut auf die Anforderungen eines Volontariats vor. Nach dem Seminar können sie Berichte, Reportagen oder auch Interviews als Arbeitsproben verfassen, mit denen sie sich dann bei Verlagen bewerben können. Zum anderen gibt es Quereinsteigern das nötige Know-how, wie journalistische Texte verfasst sein sollten, die an Redaktionen geschickt werden. Viele Ärzte zum Beispiel möchten gerne Artikel in Fach- oder Publikumszeitschriften veröffentlichen. Das klappt aber meist nicht, weil ganz elementare journalistische Grundlagen fehlen. Oder Mitglieder in Vereinen oder Verbänden, die Texte für ihre Magazine schreiben wollen. Oft wissen die einfach nicht, wie ein Bericht über das Jahrestreffen der Kaninchenzüchter so formuliert wird, dass er nicht nur informativ-sachlich, sondern auch noch unterhaltsam ist.

Und diesen Leuten können Sie in gerade mal fünf Tagen das Rüsteug dazu geben?

Versuchen Sie‘s selbst. Danach stellen Sie nie mehr diese geschlossenen Fragen. Versprochen!

Das Interview führte Raija Wengler

Agentur Raija Wengler
Text & Redaktionsbüro

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *