Ich bin ein Flüchtlingskind

Ich bin ein Flüchtlingskind

Ich persönlich hab ja ’nen Migrationshintergrund. Doch, ehrlich. Man sieht‘s mir vielleicht nicht an, weil ich keine schwarzen Haare, dunkle Haut und braune Augen hab. Und ’nen dichten Vollbart trage ich auch nicht. Nicht mal mein Name klingt nach Migration. Aber es stimmt. Mein Vater ist ein Flüchtling!

Die größte Völkerwanderung der Neuzeit

Damals, kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges, packte meine Großmutter ihre beiden Söhne – sechs und drei Jahre alt – und machte sich zusammen mit mehr als 12 Millionen anderer Flüchtlinge auf den Weg in den Westen. Zu Hause in Schlesien, Ostpreußen, Pommern, dem Sudetenland oder Posen hätte man sie nämlich erschossen. Oder aufgehängt. Oder verbrannt. Oder totgeschagen. Oder …

Bedroht von beiden Seiten 

Mein Onkel (der Dreijährige) verhungerte unterwegs und wurde an einem Feldrand verscharrt. Meine Großmutter kam zusammen mit meinem Vater zwischenzeitlich in ein Lager. Da wurde sie mehrfach vergewaltigt und misshandelt. Vor den Augen ihres kleinen Sohnes. Als ihnen auch von da die Flucht gelang, gerieten sie zwischen die Fronten und wurden sowohl von der roten Armee als auch von der Wehrmacht beschossen. Sie hatten Glück. Die braven Soldaten waren wohl des Zielens müde …

Widerliches Pack

Nach einem wahrhaft mörderischen Fußmarsch kamen Oma und Papa endlich, endlich im Westen an. Und wie wurden sie empfangen? Mit Hass und Misstrauen. Mit Ablehnung und Beleidigungen. Flüchtlinge – weg mit euch! Geht dahin zurück, wo ihr hergekommen seid! Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Die klauen uns die wenigen Wohnung, die noch da sind. Die stinken und können kein Deutsch und stehlen und sind faul und feige. Pfui, Teufel! Flüchtlinge …

Erfolgreiche Integration

Es waren so viele, denen es ähnlich erging. Und sie sind noch immer unter uns, die Flüchtlinge von damals. Die dieses Land mit aufgebaut haben, die geschuftet und die Sozialkassen gefüllt, die Arbeitsplätze und Wohnraum geschaffen haben. Sie sind dann irgendwann doch noch integriert worden. Häuser durften sie bauen und Lebensversicherungen abschließen. Im Kegelclub und im Schützenverein waren sie ganz vorne mit dabei. Aus vollster Kehle sangen sie beim Martinsumzug und erst recht im Karneval. Ihre Kinder sprechen heute Bairisch oder Sächsisch, Kölsch, Badisch, Magdeburgerisch, Hochdeutsch oder Platt. Akzentfrei, versteht sich. Sie heißen Schimanski oder Kaminski, Owczarczak, Matysek oder Zahn. Sie haben keine schwarzen Haare, dunkle Haut und braune Augen. Und ’nen dichten Vollbart tragen die wenigsten von ihnen.

Wie viele laufen bei „PEGIDA“ mit?

Ich frage mich, wie die Flüchtlingskinder und Flüchtlingsenkel heute auf die Straße gehen und „Wir sind das Volk!“ – „Ausländer raus!“ brüllen können.

Ist denn alles vergessen?

27 Comments

  1. Raija sagt:

    Mir treibt es die Tränen in die Augen, lieber Ralf. Wie können viele Menschen nur so sein? So hart. So egoistisch. So menschenfeindlich. So erbarmungslos! So dumm! Doch es gibt zum Glück auch viele Menschen, die es nicht sind, und nicht vergessen. Und dann werden aus Tränen Freudentränen. Danke für Deinen Blog – damit wir alle daran erinnert werden, nicht zu vergessen.

  2. Manuela, Kuschel sagt:

    Sehr gut ge- beschrieben. Leider ist es so das die Toleranz bei vielen vor der eigenen Haustüre ganz schnell verpufft. Und Emphatie fällt dem Egoismus zum Opfer.
    Keine Frage, betrachte auch ich diese Völkerwanderung mit Skepsis, aber nicht wegen der flüchtenden Menschen ,sondern weil ich kein Vertrauen in unsere Regierung habe und weil mir diese intelligenzfreien deutschen „Wutbürger“ Angst machen. Gegen Dummheit ist man nämlich schier machtlos.

    • Ralf Zahn sagt:

      Das Einzige, was vielleicht hilft: reden, erklären, wieder reden …

      • Manuela, Kuschel sagt:

        Sicherlich wäre es falsch dem ganzen mit Resignation zu begegnen. Vielleicht versteht ja auch irgendwann der ein oder,andere das es praktisch jeden treffen könnte in solch einer Not Situation zu sein und dann über jegliche Hilfe von aussen (EGAL von wem) glücklich zu sein. Glücklicherweise gibt es genug Menschen die nicht vergessen haben oder die wissen wie wichtig es ist einander zu helfen und mizufühlen. Das gibt Hoffnung und stärkt. :)
        Letztendlich sind wir alle nur Menschen und in jeder Kultur gibt es gute und schlechte Menschen

  3. Josef sagt:

    Hallo Ralf,recht Du hast.

  4. Josef sagt:

    Hallo Ralf, wie recht Du hast.

  5. Stephy sagt:

    Vielen Dank Ralf für diesen Beitrag. Auch ich habe einen Migrationshintergrund wie du ihn beschrieben hast.

    Auch mir treibt es Tränen in die Augen, wenn ich deinen Text lese.
    Genauso wie die feindlichen Reaktionen mancher Menschen in diesen Tagen.

    Leider vergessen die Menschen sehr schnell, obwohl so Vieles in der Vergangenheit schon mal da war, geschehen ist.

    Man muss doch eigentlich nur ab und an einen Blick auf die alten Geschichten legen und sie am Leben erhalten. Und aus ihnen Lernen. Gegen das Vergessen. Das ist wichtig!

    Danke dir dafür!

  6. Tom sagt:

    Mein Großvater kam aus Weißrussland… Mein Vater aus Ostpreussen… meine Cousinen wohnen in Mexiko / Brasilien… meine Cousin in Oslo… ich wandere seit Jahren von Lauenburg über München nach Baden-Baden… dann Düsseldorf und nun wieder München… alles ist in Bewegung…

  7. Sandra sagt:

    Hoffentlich erinnern und besinnen sie sich, die besorgten MitbürgerInnen.., Danke, Ralf!

  8. Svea Kerling sagt:

    Als ich vor vielen, vielen Jahren nach Österreich immigrierte, was ich mir als Einjährige nicht aussuchen konnte, wusste ich nicht, was alles auf mich zukommen würde. Ich lernte jedoch schnell, dass ich in diesem Land nicht erwünscht war und bis heute scheine ich immer nach einer Berechtigung suchen zu müssen, hier leben zu dürfen. Wir schreiben das Jahr 1979, eine Marktgemeinde im Weinviertel. Meine Familie und ich waren damals die ersten „Zigeiner“, die hier ankamen. Denke, dass ich erst heute in der Lage bin, damals Erlebtes aufzuarbeiten. Schritt für Schritt. Ein wenig zumindest. Zaghafte, kleine Schritte. Mir würde es schon reichen, zu vergessen. Verzeihen ist leichter als vergessen. Immer schon gewesen. Meine schwarzen Haare, die so gar nicht auf das Klassenfoto passten. Meine dunklen Augen. Meine fremde Sprache. Das alles war böse.
    Ich erinnere mich an die verstohlenen Blicke, an die gewöhnte ich mich schnell. Doch diese ganz eigenen, diese abwertenden Blicke, sind es, die ich bis heute spüre. Ich habe nie verstanden, warum man mir Türen vor der Nase zuschlug. „Du Tschuschenkind bist hier nicht willkommen.“ Noch immer höre ich diese Worte. Ich besuchte damals die zweite Klasse Volksschule. Der Weg zur Schule und nach Hause war jedes Mal ein Spießrutenlauf. Beschimpfungen und Beleidigungen waren Alltag. Nach einiger Zeit kristallisierten sich die Anführer heraus. Doch es tat nicht weniger weh, „nur“ von einem Mitläufer verletzt zu werden. Ich möchte mir nicht ausmalen, welche Gespräche sonntags nach der Kirche geführt wurden. An jenen Sonntagen, an denen die schönsten Schuhe ausgeführt und die besten Dauerwellen zur Schau getragen wurden. Ich kann die Stille noch immer hören und in meinen Adern spüren. Die Stille, die immer dann eintrat, wenn ich an den Einheimischen vorüberging. Immer dann, wenn ich beim Greißler eine Wurstsemmel kaufte. Das Tuscheln, abgelöst von dieser furchtbaren Stille. Diese Stille war das Schlimmste für mich. Jede Gehässigkeit, jeder Schmerz, jede Abwertung, jede Beleidigung, all das war nicht so schlimm, wie diese eine Stille.
    „Schleichts eich ihr Jugos, ab in die Heimat!“
    War es denn so leicht? Wäre dann alles wieder gut? Ich verbrachte meine Sommer- und Weihnachtsferien immer „daham“. Doch war ich zu Hause angekommen? War ich zu Hause? Ja, für meine Eltern war es ihr Zuhause. Für sie war es immer ein erlösendes Gefühl. Weit weg von der harten Arbeit, dem Bücken, dem Hoffen und den „Schwabos“. Doch für meine Generation, für mich, war es nichts weiter, als wieder ein fremdes Land. Die Menschen dort waren mir fremd, sie waren zwar nett und lieb zu mir. Sie freuten sich, wenn sie mich sahen, sie umarmten mich und knutschten mich ab. Tanten und Onkel, Oma und Opa. Doch sie waren mir fremd. Ich schlief in einem fremden Bett, saß an einem fremden Tisch. Fremde Eindrücke, fremde Gerüche.
    Wo war ich zu Hause? Hatte ich ein Zuhause? Werde ich je eines haben? Den einen Ort, an den ich mit Liebe zurückdenke? Immer schon war ich auf der Suche nach diesem magischen Ort, der mir Geborgenheit spendete, mir Sicherheit bot. Der Ort, der mir ein Zuhause war. Ich suchte nach Liebe, nach Anerkennung. Ich suchte nach Zugehörigkeit. Ich suchte nach den Menschen, die mich so annehmen, wie ich bin. Unabhängig von Herkunft, Haarfarbe und Sprache. Jahrelang quälte mich dieser Gedanke an ein Zuhause, an eine Heimat. Meine Heimat.
    Heute weiß ich, dass Heimat überall sein kann. An jedem Ort der Erde, zu jeder Zeit. Es ist überall dort, wo ich glücklich war, glücklich bin. Ein Moment, der zur Ewigkeit wird. Heimat ist ein Strauch, der mir als Kind als Burgfestung gedient hatte und wo niemand mir weh tun konnte.
    Ich weine.

    Vielleicht etwas zum Nachdenken. Es sind nur Eindrücke eines Kindes. Nicht mehr. Nicht weniger.

    „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ….“ Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe. Ich weiß nicht, wie oft ich mit aller Kraft versucht habe, mich für mein Dasein zu rechtfertigen, wie oft ich versucht habe, diese Wörter an mir abprallen zu lassen. Ich weiß nicht, wie oft ich wütend wurde, verzweifelt war, wie oft ich zornig wurde, wie oft ich einfach traurig wurde, wie oft ich geweint habe. Ich weiß nicht, wie oft mich diese Worte zutiefst verletzt haben. Mit diesen wenigen Worten, kann man so vieles zerstören. Diese paar Wörter kommen jedes Mal einer Kugel gleich, die auf mich abgefeuert wird. Sie verursachen Schmerz, sie verletzen, sie hinterlassen Narben. Gute Ausländer. Böse Ausländer. Migranten, Migranten erster Generation, Migranten zweiter Generation, Integrationsunwillige, Vorzeigemigranten, Asylanten, echte Asylanten, Wirtschaftsflüchtlinge … und weiß der Teufel, wie sie alle heißen.

  9. Gabriele Matthey sagt:

    einfach klasse ! Und wie immer bei Dir, packend und voll auf den Punkt gebracht. Ich bin immer wieder fasziniert, wie Du ein Thema, für das ich etliche Seiten bräuchte, so kurz und knapp darstellst. Und es geht schlicht unter die Haut. Touché lieber Ralf !

  10. Conny sagt:

    Lieber Ralf, ich bin von Deinem Beitrag sehr beeindruckt und auch so glücklich darüber, dass Du dieses Thema so ergreifend auf den Punkt gebracht hast. Die ganzen hirnfreien Standart-Parolen, Pauschalplätze und medienwirksamen Horrorszenarien mit Angstmacherei werden für mich immer unerträglicher. Danke für diesen menschlichen Blick

    • Ralf Zahn sagt:

      Ganz lieben Dank an Dich, Conny. Der „menschliche Blick“ ist es doch, der uns allen einen abstrakten Sachverhalt erst näher bringt und begreifbar macht.

  11. Arnold Bemberg sagt:

    Hallo Ralf,

    vielen Dank, dass sie ihre persönliche Erfahrung als Ergänzung zu meinem Post auf FB eingebracht haben! Sie sprechen mir aus dem Herzen! Ich frage mich derzeit immer öfter, wie dumm die Menschen sein müssen, dass sie aus ihrer Geschichte nicht lernen und den gleichen Blödsinn ständig wiederholen!

  12. Gemeinsamkeiten beim Schicksal von Flüchtlingen damals und heute gibt es. Es gibt allerdings auch eine Menge Unterschiede. Die Mehrheit der 14 Millionen sind nicht vor dem Krieg geflüchtet, sondern vertriebenen worden. Sie kamen zumeist aus Deutschland nach Deutschland. Das Recht wurde seinerzeit in ihrer besetzten Heimat gebrochen. Heute wird das Recht durch illegale Einreise gebrochen. Es ist richtig, daß die meisten Vertriebenen alles andere als wilkommen waren im zerstörten und am Boden liegenden Restdeutschland. Daß sie sich schnell an die neue Umgebung angepaßt haben, liegt auch daran, daß sie aus dem selben Kulturkreis kamen, dieselbe Sprache sprechen. Niemandem – keinem Flüchtling oder Zuwanderer und keinem Einheimischen – ist geholfen, wenn unkontrolliert, unter Rechtsbruch jedes Jahr mehr alls 1 Million Menschen zu uns kommen (plus Familiennachzug). Unser Wohlfahrtsstaat wird nicht zu halten sein. Integration ist nicht mehr zu leisten. Es werden auch nicht genug Unterkünfte geschaffen werden können. Kein Land dieser Welt, keine Gesellschaft kann grenzenlose Zuwanderung auf Dauer verkraften. Wir müssen zu geltendem Recht zurückkehren und Zuwanderung gezielt planen. Kriegsflüchtlingen muß am besten vor Ort geholfen werden, damit sie sich nicht auf den gefahrvollen Weg über das Mittelmeer machen müssen. Klarheit bei den Begriffen und Differenzierung sind besser als hinkende Vergleiche und Pauschalisierungen.

    • Ralf Zahn sagt:

      Hm – ist das geltende Recht, zu dem Du zurückkehren willst, Stephan, nicht im Artikel 16 des Grundgesetzes zu finden? Und zusätzlich in der Genfer Flüchtlingskonvention, die ja auch von Deutschland anerkannt und unterschrieben wurde?

  13. Tobias sagt:

    ….also Äpfel mit Birnen zu vergleichen, das ist doch totaler Schwachsinn !!! Nach dem 2. Weltkrieg hatte Deutschland knapp über 60 Mln. Einwohner und konnte auch 14 Mln. „Flüchtlinge“ zum Wiederaufbau auch gut gebrauchen, wie später auch nach den 60´ Jahre die vielen Einwanderer aus der Türkei, Italien, Griechenland usw.
    Die Geschichte von 1941-45 darf niemals vergessen werden. Niemals !!!
    …aber die Geschichte von vor 70 Jahren ist eine ganz andere als die der Flüchtlinge heute…
    …man kann auch ein Mittelmaß wählen in der Betrachtung der Dinge die aktuell in Deutschland passieren…
    ….das PEGIDA, NAZIS, USW für nichts zu gebrauchen sind ist klar… trotzdem sollte jeder in ein demokratisches
    Deutschland frei sagen dürfen was er denkt und nicht gleich wegen eine kritische Äußerung zur Flüchtlingsproblematik gleich in die „rechte“ Ecke gestellt werden….

    • Ralf Zahn sagt:

      Du hast vollkommen recht, Tobias. Selbstverständlich soll jeder seine Meinung sagen dürfen, ohne in irgendeine Schublade oder Ecke gesteckt zu werden. Ob man die Flüchtlingswelle von einst mit der von heute vergleichen kann oder nicht – ich weiß es nicht. Mir geht es nur darum, dass so mancher zu schnell seine eigene, ganz persönliche Geschichte recht schnell zu vergessen scheint. Ob das, was gerade in Deutschland und in Europa passiert, gut oder schlecht ist – vielleicht kann das die Generation in 70 Jahren entscheiden …

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *