Für faule Autoren und dumme Leser: Kurzgeschichten

Für faule Autoren und dumme Leser: Kurzgeschichten

„To go“ ist ja sowas von modern: „Coffee to go“, „Car to go“, „Days to go“, „Sex to go“ … Irgendwie können wir alle nur noch goen und haben verlernt zu stayen. Schnell schnell alles erledigen. Ruck, zuck die To-do-Liste abhaken. Hechel, hechel, Tempo, Tempo, time is cash!

Warum klappt das eigentlich nicht auch mit Literatur? So eine Art „Lit to go“ könnte in dieser Zeit doch der Renner sein. Geht aber nicht. Weil es sich dabei nämlich um Kurzgeschichten handeln müsste. Und die werden heutzutage gemieden wie eine offene Eiterbeule.

Das braucht kein Mensch

Kurzgeschichten lösen in den Synapsen von Literaturkritikern, Feuilleton-Schreibern, Verlegern, Agenten, Lektoren und – ja, das muss mal gesagt werden! – auch Lesern folgende Reaktion aus: Da war der Autor mal wieder zu faul, ein echtes Buch zu schreiben. Dem ist einfach nichts eingefallen. Und jetzt will er uns mit so einem billigen Häppchen abspeisen. Das hat doch nichts mit Literatur zu tun! Und überhaupt – wer liest denn diesen Zehn-Minuten-Quatsch? Doch nur Blödiane, die sich nicht länger konzentrieren können als ein Goldfisch in der Bowleschüssel. Dummbratzen, die mit einer Novelle, einem Drama oder einem Roman hoffnungslos überfordert sind. Das sind ja keine Leser. Das sind Junkies, die sich zappelige MTV-Clips und werbeunterbrochene Berlin-Tag-und-Nacht-Gülle reinziehen!

Wie blöd ist das denn! 

Das lässt erkennen, wie unfähig und überbewertet Schriftsteller wie Ernest Hemingway, Siegfried Lenz, Edgar Allan Poe, Robert Louis Stevenson, Heinrich Böll, William Faulkner oder Honoré de Balzac eigentlich waren. Die Hirnis haben nämlich alle auch Kurzgeschichten geschrieben. Und wenn dann Vicente Aleixandre, ein Nobelpreisträger aus Spanien, sagt „eine Kurzgeschichte ist eine Geschichte, an der man sehr lange arbeiten muss, bis sie kurz ist“, dann ist das doch blanker Hohn, oder? Als wenn ein solcher Autor es verstünde, etwas so knapp und präzise zu sagen, dass mehr Worte einfach nicht nötig sind. Was ist denn schon Kunst daran, wenn man mit Metaphern, Andeutungen und Symbolen Szenen und Emotionen erschafft, die in den Hirnen der Konsumenten Male hinterlassen wie ein Brandzeichen auf dem Hintern einer Kuh? Wo bleibt denn da das Vergnügen des langen Atems?

Aber echt jetzt …

Man darf ja nicht vergessen, dass solch eine komprimierte Form von „Literatur“ letztendlich auch dem Leser einiges abverlangt. Schließlich muss der ja unter Umständen sogar mitdenken bei Lesen. Skandalös! Wie soll man denn zum Beispiel „zwischen den Zeilen“ lesen? Da steht doch überhaupt nix, verdammich! Eine Geschichte, die sich nicht sofort erschließt, die mehrdeutig dahergerannt kommt und Raum für eigene Überlegungen lässt – Mann, das kann man doch nicht lesen sowas.

Ein literarischer Tabledance

Mit einem echten Roman ist es ja so ähnlich wie mit einer Liebesbeziehung: das braucht Zeit, ehe da ’was zusammenwachsen kann. Und was sind Kurzgeschichten dagegen? Irgendwie so eine Art Puffbesuch: rein, raus, feddisch … Was man in 20 Minuten oder einer halben Stunde einfach so weglesen kann, taugt nichts. Da könnte man ja in Versuchung geraten, in der Mittagspause oder gar am Abend mal eine GANZE Geschichte zu lesen. Igittigitt! SO LANGE in nur EINER Handlung bleiben. Ganz direkt und unmittelbar. Wer macht denn sowas? Das können doch nur Leute sein, die auf überraschende Enden und Pointen stehen, die ihnen den Boden unter den Füßen wegreißen!

Fauler Zauber 

Ziemlich oft erzählen Kurzgeschichten Situationen aus dem Alltag. Szenen also, mit denen sich die meisten Leser identfizieren, die sie nachvollziehen können. Protagonisten und Antagonisten sind häufig „Leute wie du und ich“, Fremde und doch Bekannte zugleich, in deren Leben man geschupst wird – nur um zehn Seiten später festzustellen, dass deren Leben doch so ganz anders war als das eigene. Zugegeben: Irgendwie hat das was Magisches. Aber was soll das denn? Wer will sich denn damit befassen, mit diesem einen Moment, der so plötzlich Bedeutung und Gewicht erhält? Man will doch schließlich eine richtige Einleitung in einem Text haben, man will doch lieber in die Welt der Vampire und Zauberlehrlinge und Sado-Maso-Hoppsassa-Erotik eintauchen, gell? Da weiß man doch, was man hat. Und vor allem weiß man da schon ganz am Anfang, was man am Ende hat. Und wenn man wirklich schnell mal ein tolles dickes Buch verschlingen will – kein Problem! Bei solchen Romanen kann man sich den Mittelteil schließlich ganz getrost sparen …

Bloß nicht!

Am Ende einer Kurzgeschichte, und das ist das Hinterfotzigste überhaupt,  bereitet es dem sogenannten Schriftsteller dann auch noch ein diebisches Vergnügen, wenn er den Leser an der Nase herumgeführt hat. Nämlich dann, wenn er seine Schlusspointe herausschießt. Und plötzlich – haha, wie witzig! – ist alles ganz anders als gedacht. Das ist doch kein Vergnügen ist das doch nicht! Erst einen in Sicherheit wiegen, und dann immer volle Pulle mitten in die Fresse des literarischen Hochgenusses. Pfui, unfair. Da kann man nur Eines immer und immer wieder sagen: Finger weg von Kurzgeschichten!

So – und wer jetzt trotz all dieser guten Argumente und wohlgemeinten Warnung dennoch das Risiko eingehen will, sich mal von Kurzgeschichten überraschen zu lassen, für den mein Tipp:

AugenBlicke

Zum Reinhören die Story “Blind Date“.

Viel Spaß damit!

Augen_Blicke

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