Im Regen

Im Regen

An einem Bergsee in Nicaragua sitzend, der von dichtem Urwald umgeben und von Regen- und Nebelschleiern bedeckt war, fielen mir diese Worte ein.

Feuermale, von Schmetterlingen in kobaltkaltem Blau unruhig benutzt, geben sich dem Grau hin. Sauber gewaschen, betrommelt, gepeitscht, gestreichelt, schreien sie ihr flammendes Rot dem Grün im Grün im Grün entgegen. Wunden gleich, täglich neu geschlagen, durch scharf fallende Gitterstäbe gesehen, duften sie süß gegen das Vergessen. Hibiskusblüten im Regen.

Welch ein Land, in dem Stunden zu Jahren werden! 

Abermillionen dampfender Atemzüge, in Agonie gefangen. Tausende Sonnenaufgänge, brennend, Asche bringend, Wahrheit verklärend und beleuchtend. Und warten. Auf den Regen, auf den Wind. Auf den wegwehenden Staub und den Schmutz und die Erinnerungen. Meisterhaftes Ausharren, gut erlernt, erzwungen, von müden Augen kontrolliert.

Land im Regen.

Zerrieben zwischen Mächten, deren Gewalten klein machen. Alles, jeden. Den ruhenden Wald, der in kreischenden Träumen die Nächte erträgt und die Tage verschläft. Die schlammigen Adern, die jegliche Last geduldig tragen. Und die Menschen, ohne Hoffnung, doch voller Spannung, deren braunäugige Blicke das Morgen kaum erreichen.

Welch ein Land, das der Welt selbst zur Last zu werden scheint! 

Zähe Glut versucht es vom Angesicht der Erde zu tilgen, abgeschüttelt soll es werden wie eine Fliege vom schweißnassen Pferderücken, hinweggefegt vom Sturm, der alles hinter sich nackt und bloß lässt. Es krallt sich fest am Leben, dieses Land zwischen zwei Meeren und Bergen und Wäldern. Lässt nicht los, sieht hinweg über Asche und Ruinen und Kahlheit und Blut, mit dem die Felder getränkt und der Hibiskus gedüngt und die Steine gefärbt sind. Lächelt und lacht, trotzig singend und tanzend im Rhythmus beflügelter Seelen.

Salsa ist der Balsam, die Blume des Zuckerrohrs die Medizin.

Da fällt er, der gleichgültige, der stete Regen, Gegenspieler des gleißenden Himmelslichts. Gnädig, barmherzig, unermüdlich waschend, doch unfähig zu reinigen. Kein Sturzbach reißt den Schmutz der Erinnerungen mit sich, kein Nebelschleier, aufgestiegen aus Hibiskusblüten, verdeckt die Narben, kein Schrei aus ungezählten Brüsten weckt den Schläfer, der in seinen Träumen gefangen zwischen den Gewalten und der Gleichgültigkeit und dem ewigen Grün. Verraten von all den Hoffnungen, die in schwarzglänzenden Lederstiefeln dahermarschiert kamen und nahmen und raubten und schlugen. Was gestern biss, grinst heute als Maske unter barmherzig scheinender Mitra.

Macht im Regen.

Bald schon taucht der Morgen auf aus der Nacht. Regen weicht, Sonne brennt, bald schon schließt sich der Kreis.

Wer weint ihn nun, all den Regen, all die Tränen Nicaraguas?

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