Aus gegebenem Anlass

Aus gegebenem Anlass

Wusstet Ihr, dass die Bezeichnung Halloween von „All Hallows‘ Evening“ kommt? Bedeutet: Der Abend vor Allerheiligen. Die Iren waren’s, welche die uralte Tradition ins Leben gerufen haben. Einwanderer brachten den Volksbrauch schließlich in die USA – und seit den späten 80er-Jahren ist er auch bei uns nicht mehr wegzudenken.

Experten gehen davon aus, dass schon die alten Kelten Jahrhunderte vor Christi Geburt Halloween feierten. Ein alter Glaube besagt, dass in der Nacht zum 1. November die Seelen der Verstorbenen ein letztes Mal in die Welt der Lebenden kommen. Entweder gelingt es ihnen dann, von einer lebendigen Seele Besitz zu ergreifen und so das ewige Leben zu erreichen – oder sie entschwinden für immer in die ewige Dunkelheit. Um sich vor den Toten zu verbergen und um ihnen selbst Angst einzujagen, erdachten sich die alten Iren grauenvolle Masken und wilde Kostüme. Darin zogen sie durch die Nacht und kreischten und lärmten, was das Zeug hielt.

Und noch heute ist es so. In der Nacht vor Allerheiligen treibt sich das Böse mitten unter dem Guten herum. Geister, Monster, Hexen, Vampire, Zombies und Gnome fordern „Süßes oder Saures“. Gebt ihnen lieber etwas, oder es wird euch schlimm ergehen!

So schlimm wie Herrn Meerbusch in dieser kleinen Leseprobe von

Vogelsangs Versprechen

Da standen sie vor ihm, die Dämonen! Versammelt hatten sie sich bei ihm und wollten ihn wohl holen. Ach, hätte er sie doch nicht gerufen, sich nicht gewünscht, sie würden zurückkommen. Jetzt waren sie da, klein und schweigend, starrten ihn aus schwarzen Augen an und regten sich nicht. Alle, alle waren sie gekommen, den Atem aus Meerbuschs Lungen zu saugen, seinen Herzschlag anzuhalten und jeden seiner Knochen zu trockenem Zucker zu zermahlen.
Der gehörnte Teufel mit feuerrotem Gesicht und nachtschwarzem Umhang sperrte den Mund auf wie zum stummen Schrei; ein Vampir, kaum einen Meter groß, mit schneeweißer Haut und Blutstropfen am fliehenden Kinn, trat einen Schritt zurück, als wolle er Anlauf nehmen; eine Hexe in türkisfarbenem Kleid stach mit ihrem spitzen, kegelförmigen Hut Löcher in die Luft; selbst einen abstoßenden Clown hatten sie mitgebracht: kirschrotes Haar kränzte eine faltige Glatze, kirschroter Mund, vom einen bis zum anderen Ohr reichend, lachte ohne Ton. Welcher Kreis des Infernos mochte diese Gestalten ausgespien haben?
Das Schlimmste aber, das Furchtbarste, das Meerbusch jemals gesehen hatte, war Dante!
Ein kobaltblaues Geweih auf seinem fellbewachsenen Schädel blinkte aufdringlich, er hatte die Lefzen hochgezogen, drohte mit seinem Gebiss, ein verhaltenes Knurren drang aus den Tiefen seines gestreckten Leibes! Sie hatten ihn an der Kette. Wie lange noch?
Meerbusch stand da, klammerte sich an der Tür fest, schnappte nach Luft und konnte nicht fassen, dass sie tatsächlich gekommen waren. Zu spät zur Flucht, zu nah für ein Versteck. Ach, hätte er doch jetzt eine sichere Kuhle gehabt, ein schnelles Bein, einen Schrei!
Die Hexe wandte sich dem Teufel zu, flüsterte ihm etwas unter die Hörner.
„Quatsch“, sagte der Teufel und grinste. Sein Blick bohrte sich in Meerbuschs Mut. „Süßes oder Saures“, sagte er dann. Die Hexe kicherte.
Der groteske Clown hielt Meerbusch etwas entgegen. Eine Plastiktüte. Eine, wie sie im Supermarkt zu haben waren, Meerbusch erkannte sie.
„Süßes oder Saures“, meinte nun auch der Vampir mit einer Stimme, welche wie die eines Kindes klang. Oh, welch Täuschung, welch Lug!
„Kommt, wir hauen ab. Der gibt nix“, sagte die Hexe und wandte sich zum Gehen. Dante hielt sie zurück. Er zerrte knurrend an der Kette, wollte sich auf Meerbusch stürzen, sich in sein Bein und die Hüfte verbeißen. Beenden wollte er, was er einst begonnen.
„Süßes oder Saueres, Süßes oder Saures“, krähte der aufdringliche Clown und reckte Meerbusch seine Fratze entgegen und seine Plastiktüte höher.
Unwillkürlich warf Meerbusch einen Blick hinein und erwartete das Inferno. Doch was er sah, waren keine büßenden Sünder und keine Höllenqualen. Keine Fegefeuer und keine Zahnbürsten. Schokolade war es. Riegel und Tafeln, Bonbons, Lakritze und bunte Dragees. Fortunas Füllhorn statt Pandoras Büchse. Satans Höllentrichter entpuppte sich als Garten der Schöpfung, in dem die Früchte des Lebens prall am Baume der Erkenntnis hingen.
„Der stinkt wie ein Klo“, stellte die Hexe fest. „Von dem will ich nix.“
„Süßes oder Saures“, wiederholte der Clown.
„Komm, wir hauen ab!“
„Boah, stinkt der. Von dem will ich nix!“
Die Plastiktüte senkte sich mit ihrem Inhalt, entfernte sich von Meerbusch. All die kleinen Dämonen wandten sich ab. Nur nicht Dante mit den blauen Hörnern.
„Nein, nicht gehen!“, rieb es aus Meerbuschs Kehle. „Nicht!“
Dantes Knurren wurde bedrohlicher, seine Zähne wuchsen.
„Ham‘se jetzt Süßes oder nich‘?“ Der Clown hob die Tüte wieder.
Meerbuschs Leib bebte. Schokolade!
Er löste die Hand von der Tür, wo sie Schlieren hinterließ. Und dann packte er zu, riss dem dämonischen Spaßmacher die Tüte aus der Hand. Ein spitzer Schrei hüpfte aus dem Kirschmund, Dante kläffte. Jetzt fand der Kampf auf offenem Feld statt. Keine Kuhle mehr, in der man sich verstecken konnte.
„He, lassen Sie das!“ Die gellende Hexenstimme zerschnitt die Luft wie mit einer Sense.
„Spinnen Sie?“, schrie nun auch der Teufel, und Meerbusch schien es, als zischten Schlangen in seinen Ohren.
„Das ist unsere Tüte!“, rief der Clown. „Lassen Sie los!“
Aber Meerbusch ließ nicht los. Oh nein, er hatte Beute geschlagen, die gab er nicht wieder her. Er riss und zerrte – erstaunlich, wieviel Kraft doch in einem solch kleinen Clown steckte. Schließlich aber gelang es Meerbusch, dem grinsenden Dämon mit den Tränen in den Augen das kostbare Gut zu entwenden. Was kümmerten ihn da die Schreie und Worte, die Verwünschungen und Bitten. Was sie ihm darboten, durften sie ihm nun nicht verwehren. Geschenkt ist geschenkt, wiederholen ist gestohlen …
„He, sie spinnen wohl!“
Der Teufel schrie, der Vampir begann zu heulen wie Wind, der sich im Schein des Vollmondes fängt.
„Hilfe!“, kreischte die Hexe, und der blau gehörnte Dante kläffte.
Meerbusch wankte einen Schritt zurück, die Beute fest in der Faust. Da ließ die Hexe die Phantasie von der Kette …

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