Self-Publisher sind Versager!

Self-Publisher sind Versager!

Niemand wirft es einem Musiker vor, wenn er seine selbst aufgenommenen CDs auf der Straße oder bei kleinen Konzerten verkauft. Unbekannte Maler organisieren mit viel Enthusiasmus Vernissagen, auf denen sie ihre Werke präsentieren – das nimmt ihnen kein Mensch übel. Aber warum schimpfen eigentlich so viele über Autoren, die ihre Werke ohne Verlag veröffentlichen und zum Lesen anbieten?

Klar sind Self-Publisher Versager. Warum sonst sollte diesen Möchtegern-Autoren kein Verlag veröffentlichen? Self-Publisher (schon das Wort korrekt auszusprechen windet manchem Zeitgenossen Knoten in die Zunge) bilden sich ein, gut, verständnisvoll, informativ, spannend, originell und geistreich schreiben zu können. Wohl bemerkt: Sie bilden es sich ein!
In Wirklichkeit aber bringen sie kaum einen grammatikalisch stimmigen Satz zustande. Sie stammeln, banalisieren, werfen wahllos mit Interpunktionen um sich und haben nicht den Hauch einer Ahnung von rotem Faden, Plot, Dialog, innerem Monolog oder Spannungsbogen. Und davon, was eine gute Geschichte oder ein inhaltsvolles Sachbuch ausmacht, wissen sie sowieso höchstens so viel wie eine Kuh vom geheiligten Sonntag. Ganz zu schweigen von den hanebüchenen Fehlern, welche diese „Indie-Autoren“ beim Satzspiegel ihres „Buches“, der Cover-Gestaltung, Schrift und Layout begehen.

Echt schlimm!

Kommentare dieser Art bekommt wohl jeder zu hören, der zum ersten Mal das Wagnis eingeht, ein Buch nicht nur zu schreiben, sondern dann auch noch die Frechheit besitzt, es selbst zu gestalten und (vornehmlich als E-Book) zu veröffentlichen. Und zugegeben: Schaut man sich den Markt der Self-Publisher mal genauer an, stolpert man zwangsläufig über die kuriosesten Machwerke, die sich da (leider!) zuhauf tummeln. Da gibt‘s „Romane“ für 2,99 Euro, die gerade mal 50 Seiten (in großer Schrift mit dreifachem Zeilenabstand) haben; im Kielwasser der Fifty-Shades-of-Grey-Erotik-„Literatur“ schwimmen geistlose Exoten wie „Meine Nacht mit dem schwulen Werwolf“ oder „Harter Dino-Sex“. Mal ehrlich: In einem „echten“ Verlag mit einem „echten“ Lektorat hätten diese schreiberischen Ergüsse tatsächlich niemals eine Chance gehabt.
Ebenso wenig wie die unzähligen Geschichten, die ganz offensichtlich niemals durch ein Korrektorat gelaufen sind – obwohl deren Verfasser der deutschen Rechtschreibung erwiesenermaßen nicht mächtig sind, was sie in mindestens jedem zweiten Satz eindrucksvoll unter Beweis stellen. Nicht zu vergessen die Tausende von Buchtiteln, Covern, aus deren Aufmachung dem (vielleicht noch) interessiertem Leser der blutige Laie geradezu entgegenspringt.
Aber sind all das wirklich Gründe, sämtliche Self-Publisher über einen Kamm zu scheren und zu verdammen? Immerhin sprechen wir hier von geschätzten 75.000 Autoren, die ihre wie auch immer gearteten schriftstellerischen Ergebnisse selbst veröffentlichen, bewerben, vermarkten. Das können doch nicht alles Versager sein, oder?

Nein, sind sie nicht.

Selbst renommierte Schriftsteller wählen heute den Weg des Self-Publishings; für Fachbücher, die sich an ein kleines interessiertes Publikum richten, ist diese Form der Veröffentlichung ideal; und nicht zuletzt: Auch der Weltbestseller Fifty Shades of Grey von E. L. James ist zuerst auf der Webseite der Autorin, später als E-Book erschienen …
Die Gründe, warum ein Autor seine Bücher selbst herausgeben und vermarkten will, sind vielfältig. Die einen wählen diesen (gar nicht mal so leichten) Weg, weil sie die volle Kontrolle über ihr Werk behalten möchten. Andere haben keine Lust, sich von einem Lektor vorschreiben zu lassen, was sie an ihrem Roman unbedingt ändern, umformulieren, weglassen oder hinzufügen müssen – um dann noch mindestens ein Jahr zu warten, bis ihr Buch (wenn‘s denn dann noch ihres im ursprünglichen Sinn ist) tatsächlich mal auf dem Markt erscheint. Und ja, es stimmt – auch zahllose mehr oder weniger frustrierte Hobby-Schreiberlinge bevölkern die Branche, die es nach zig Absagen von Verlagen einfach leid geworden sind, noch mehr Geld und Hoffnung und Geduld zu investieren.

Learning by doing …

Dieses Konglomerat aus unterschiedlichsten Menschen mit ihren Geschichten, Träumen, Talenten und Fehlern einfach als Versager, Luschen oder Looser abzutun, ist nicht nur unfair, es ist eine Frechheit! Denn nicht wenige Indies beweisen ja, dass sie die „Kunst“ des Schreibens beherrschen: Autoren, die bereits mehrere Bücher bei „richtigen“ Verlagen herausgebracht haben und Journalisten, deren Profession es seit Jahren ist, die richtigen Worte zu finden. Auch andere Spezialisten mit Fachgebieten, bei denen ein korrektes Deutsch, richtige Grammatik und fehlerfreie Interpunktion gang und gäbe sind, veröffentlichen ihre Werke längst selbstständig. Sie zeigen Lernwillen in Sachen Gestaltung oder holen sich professionelle Hilfe für ihren Buchtitel; sie wissen genau, wo all die lästigen Kommas hingehören, warum man „der Beste“ groß schreibt, „der beste Kritiker“ jedoch klein und wie man wann und warum Konjunktiv, Genitiv oder Dativ korrekt bildet. Viele Self-Publisher, die sich vielleicht doch nicht so ganz und gar rechtschreibsicher fühlen, scheuen sich auch nicht, manchmal recht tief in die Tasche zu greifen, um sich qualifizierten Rat in Form eines Lektorats und/oder Korrektorats zu holen.
All diese Verfasser sind keine in Wolkenkuckucksheim lebenden Deppen. Es sind Menschen mit Visionen und Mut, die sich einer rein profitorientierten Maschinerie namens „Verlag“ widersetzen, zwischen deren Zahnrädern (mittelfristige Planung des Buchprogramms, Lektorat, Hausautoren, Fremdlizenzen, Erfolgsdruck, Bestseller-Marketing, Gewinnmaximierung …) nicht nur kein Platz für sie ist, sondern wo zudem ihre Kreativität, Leichtigkeit und vielleicht auch Naivität zerrieben würden, rutschten sie doch irgendwie in die engere Auswahl neuer Autoren.

Das ist die Wahrheit!

Die sogenannte Buchindustrie hat längst erkannt, wie viel Potential in den Reihen der Self-Publisher steckt. Warum sonst sollten selbst große namhafte Verlage ihre Ruten inzwischen im großen Teich der Indies auswerfen in der (berechtigten) Hoffnung, doch noch einen großen Fisch an die Angel zu bekommen?
Das allerdings machen sie ganz ohne Risiko, ohne Köder sozusagen. Denn sie warten erst einmal ab, welche Autoren als Self-Publisher Erfolg haben – und bieten ihnen dann einen Vertrag an. Einer der „Großen“ (Münchner Verlagsgruppe) hat sich sogar etwas ganz besonders Raffiniertes einfallen lassen. Bei ihrem Crowdfunding-Projekt „100 FANS“ dürfen Autoren ihre Bücher mit Klappentext und Leseprobe vorstellen. Bezahlen mindestens 100 interessierte Leser im Voraus den festgelegten Preis, übernimmt der Verlag tatsächlich den Druck und die Vermarktung des Werkes. Auf diese Weise findet der Verlag potentielle Autoren, ohne jedes Risiko einzugehen. Denn die erste Auflage ist ja von den 100 „Fans“ bereits bezahlt …
Perfider geht‘s nicht!

Self-Publisher sind keine Versager!

Sie bereichern den Literaturmarkt mit frischen Ideen, Kreativität und Frechheit. Unter den vielen tausend Indies sind bis jetzt noch wenige, die durch ihre Arbeit wie ein Goldnugget in einem Haufen Kieselsteine herausragen. Aber es werden mehr. Ein neuer Autor muss nicht unbedingt für den Mainstream „glattgeschliffen“ werden; ein freier Lektor kann sich um die Werke seiner Auftraggeber kümmern, ohne in ängstlichem Gewinnorientierungs-Denken auf die allmächtige Marketing-Abteilung des Verlages zu schielen; Grafiker, Korrektoren, Gestalter und Schreiber werden sich in Zukunft zusammentun und etwas schaffen, das unabhängig von straff geplanten Marktstrategien funktionieren wird. Die Professionalität wird steigen, die Themen werden abwechslungsreicher, die Spreu wird sich über kurz oder lang vom Weizen trennen. Und dann wird sich so mancher Verlag umschauen und sich fragen: Verdammt – wie hab ich diesen Trend übersehen können …?

Als perfekte Hilfe für Indies gibt es jetzt „Dein Ding!“    Dein-Ding-Autor-Ralf-Zahn

Hier erfahrt ihr alles, was es rund ums Buchschreiben zu wissen gibt, welche Anforderungen Verlage und Agenturen an Autoren stellen und was ihr unbedingt beim Selfpublishing beachten solltet.

Schaut euch den Trailer an:

10 Comments

  1. Martin B. sagt:

    Danke Ralf Zahn! Es wurde höchste Zeit, dass das mal gesagt wird … Es ist auch jammerschade, dass große Verlage keinen Cent mehr investieren, um gute Autoren heranzuziehen. Und ich stimme überein: Es gibt richtig gute Selfpublisher – ich habe einige Werke gelesen. Man muss sie nur suchen und finden!

  2. Bruno sagt:

    Hallo Ralf
    gehöre ich auch dazu ?
    Lg
    Bruno

  3. Birte sagt:

    Sehr schöner Artikel. So langsam wird Selfpublishing doch noch salonfähig … hoffentlich!

  4. Bea Cach sagt:

    Danke für diesen Artikel.
    Als deutscher Verlag würde ich auch Stimmung gegen Schriftsteller und Autoren machen, die ihre Werke selbst veröffentlichen. Erstens sind sie potentielle „Angestellte“, die auf eigene Kostn arbeiten, also ihren Einflussbereich oder die Gewinnchancen minimieren und bei der schrumpfenden Zahl der Leser durchaus ein recht großes Potential abschöpfen, was sich ein Verlags-Unternehmen auf Dauer gar nicht leisten kann. Zum zweiten müssen sie ihre Daseinsberechtigung unter Beweis stellen. Nun, die Wettbewerbskultur ist qualitativ ebenso so gesunken, wie die Qualität der meisten gedruckten Bücher der Verlage, das sieht man am Papier, der preisgünstigsten Verarbeitung, auch der Cover und evtl. Prägungen. Billig ist in! Was tun sie also, wenn ihre Felle davonschwimmen? Erst einmal die Konkurenz deformieren, das ist immer leicht, denn jeder begeht Fehler. Ich finde es nicht gut! Über die Inhalte der einzelnen Bücher, ob Verlag oder SP möchte ich mir kein Urteil anmaßen, es ist offensichtlich, in beiden Sparten existieren schwarze Schafe. Kurz noch eine Bemerkung, warum ich mein Buch selbst veröffentliche. Weil ich es kann! Zumindest möchte ich es versuchen, ich liebe Unabhängigkeit, schreibe was mir gefällt, wann ich will, habe meinen eigenen Style und bin zum Glück finanziell nicht davon abhängig. Ich würde glatt verhungern!
    Es ist für mich ein Luxus so zu arbeiten, kein Mangel.

    • Ralf Zahn sagt:

      Ich gebe Dir sowas von Recht, Bea. Und ich finde es ganz hervorragend, dass Du Deine Bücher selbst „machst“. Gut, dass Du es kannst …

  5. Bea Cach sagt:

    – fehler gefunden?- sicherlich (r)
    – wie gesagt, davor ist kein mensch sicher

  6. Hallöchen Ralf
    Bin völlig d’accord mit Deinem Beitrag. Einfach sehr gut aufklärend geschrieben. Aber, es gibt auch Unterschiede bei den Lektoren. Ich kenne z.Bsp. Elsa Rieger, die nicht nur als Lektorin fungiert, sondern nebenher ihre wirklich fantastischen Werke bei mehreren Verlagen veröffentlichen lässt. Sie würde niemals die „Seele“ eines Buches zerstören. Geht also auf die Thematik ein, welche der Autor herüberkommen lassen möchte. Quasi, was möchte er dem Leser hiermit offerieren. Das ist nicht einfach und bedarf Talent, was nicht jeder Lektor aufweisen kann.
    Bei mir ist das folgendermaßen. Arbeite ffür zwei Verlage, da die Ausschreibungen hoch interessant sind und zudem hohes Potenzial besitzen. Trotzdem werde ich im nächsten Jahr, also 2017, zwei Skripte via BoD (Books of Demand) veröffentlichen lassen, da diese Thematiken von beiden Verlagen nicht publiziert werden. Als Hybrid erhält man sich zudem eine gewisse Unabhängigkeit. Für die Covergestaltung kenne ich zwei Designer, die zudem nicht wirklich viel Geld für ihre Covers nehmen und trotzdem sehr gute, künstlerische Arbeit leisten. Ein Skript richtig zu setzen, ist nicht all zu schwer. Impressum, Klappentext etc. gehört zum Autorendasein dazu.
    Wenn man erst einmal diesen Vorgang quasi durchgezogen hat, weis man auch, wie es beim Verlag läuft, bevor das Skript incl. Cover für die Druckerei druckfertig gesetzt wird. Man lernt. Auch so etwas, das man nicht ignorieren sollte.

    • Ralf Zahn sagt:

      Hallo Marlies,
      danke zunächst für Dein Lob und auch einen ganz lieben Dank für Deinen Kommentar.
      Und selbstverständlich gibt es in Lektoren-Kreisen (wie auch bei Verlagen, Agenturen etc.) immer solche und solche. Elsa Siegers Arbeit kenne ich oberflächlich von Facebook – sie macht tatsächlich einen sehr, sehr guten Eindruck. Da gibt’s ja auch gar nix zu meckern …
      Als Hybrid zu arbeiten ist meiner Meinung nach übrigens so eine Art „Königsweg“. Kann aber nicht jeder. Und vor allem kann nicht jeder mit Typographie, Satzspiegel, Durchschuss und so weiter etwas anfangen. Und da gibt’s natürlich nur Eines: lernen, lernen, lernen …
      Denn nur so kommen Selfpublisher, Indie-Autoren, aus der Schublade der „Versager“, in der sie oftmals einfach noch stecken, raus.

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