Der Adler im Hühnerhof

Der Adler im Hühnerhof

Vor vielen Jahren traf ich auf einer Tagung den Journalisten Claus Hinrich Casdorff. Bei der Veranstaltung ging es um die Frage, ob man sich selbstständig machen sollte oder nicht, wer überhaupt dazu geeignet ist usw.

Claus Hinrich Casdorff und ich kamen ins Gespräch miteinander, und ich fragte ihn, welche „Art“ von Mensch denn seiner Meinung nach zum Selbstständigen tauge und welche nicht. Da erzählte er mir folgendes kleines Gleichnis:

Der Adler im Hühnerhof

 Ein Hühnerbauer, der viele Hühner und Hähne in einem weitläufigen, umzäunten Gehege hielt, fand eines Tages ein Adlerküken. Federvieh ist Federvieh, dachte er sich, und so ein ausgewachsener Adler kann mir dann eines Tages meine Hühner vor dem Fuchs und dem Marder beschützen.

Also nahm er das Küken mit nach Hause, steckte es zu seinen Hühnern und zog es groß.

Der Adler wuchs heran, bekam ein prächtiges Gefieder, einen starken Schnabel, Krallen und einen scharfen Blick. Bald war er der Herr des Hühnerhofes, kein stolzer Hahn wagte es, ihm die Herrschaft streitig zu machen. Und tatsächlich wagte sich bald auch kein Fuchs und kein Marder mehr ins Gehege, um sich den einen oder anderen Leckerbissen zu schnappen.

Anfangs war der Adler sehr stolz und zufrieden mit seinem Leben. Doch irgendwann spürte er, dass ihm etwas fehlte, dass er anders war als seine vermeintlichen Schwestern und Brüder. Er schaute zum Himmel hoch und sah dort oben die Schwalben und Tauben, die Spatzen und Stare, die unter den Wolken mit dem Wind flogen. Da spürte der Adler eine Sehnsucht in sich, ein Verlangen, das er nicht beherrschen konnte. Fliegen wollte er, so wie die anderen Vögel, sich erheben, frei sein! Aber wie sollte er das anstellen? Er glaubte ja, ein Hühnervogel zu sein – und die fliegen nun mal nicht so einfach davon.

Seine Sehnsucht und seine Unzufriedenheit wuchsen mit jedem Tag. Und dann, eines morgens, breitete er nur so zum Spaß zunächst seine mächtigen Schwingen aus. Der Wind griff in sein Gefieder, fast wie von selbst hoben sich seine Fänge vom Boden. Der Adler tat einen Schlag mit seinen Flügeln, noch einen – und mit einem Mal saß er oben auf dem Zaun, der das Hühnergehege umgab. Ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit und Weite ließ sein Herz schlagen. „Kommt!“, rief er denen zu, die er für seine Geschwister hielt. „Es ist ganz leicht. Breitet die Flügel aus und fliegt mit mir!“

Die anderen starrten ihn ganz aufgeregt an. „Wir können nicht“, riefen sie, „wir sind Hühner!“

„Aber wollt ihr denn nicht auch frei sein und mit den Wolken fliegen?“

„Wir können nicht. Was wir wollen oder nicht, ist egal. Wir legen Eier und picken Körner, das ist unsere Aufgabe bis ans Ende. Und dann, wenn es soweit ist, schmecken wir dem Bauern. Wir sind Hühner …“

Darauf erhob sich der Adler und kreiste hoch über dem Hühnerhof. „Ja, Hühner seid ihr“, rief er denen da unten befreit zu. „Dazu verdammt, für immer Hühner zu sein, unfrei und sicher. Ich aber tausche lieber die Sicherheit des Geheges gegen das Risiko des unbegrenzten Himmels. Ich schmecke an meinem Ende niemandem!“

Damit schraubte sich bis zu den Wolken hoch, und bald entschwand er den Blicken der anderen. Die Hühner und Hähne senkten ihre Köpfe und pickten die Körner, die der Bauer ihnen hingeworfen hatte …

Damit war meine Frage beantwortet.

Danke dafür, Herr Casdorff

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